Kind beim Lernen mit Problemverhalten

Wie Kinder mit Problemverhalten besser lernen

Share on whatsapp
WhatsApp
Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on email
Email

Einleitung

Ein aktuell aufkommendes Thema bei Lehrkräften, Referendaren und Nachhilfelehrern ist der Umgang mit Problemverhalten bei Schüler*innen. Diese sind nämlich besonders gut darin, sich an Autoritätspersonen „zu reiben“ und Grenzen auszutesten oder sich gegen Regeln aufzulehnen. In diesem Artikel soll es um die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder gehen und wie wir pädagogisch am besten mit dem herausforderndem Verhalten um- bzw. auf diese eingehen können.

Dabei sollen jedoch keineswegs alle in eine Schublade gesteckt werden. Denn jeder Charakter, bei Jungen wie bei Mädchen, ist individuell. Aber jeder, der schon einmal vor einer Schulklasse stand oder einen „dieser“ Kinder in der Nachhilfe hatte, weiß, dass es eben auch „diese Kinder“ unter ihnen gibt. Die, die Grenzen überschreiten, sich auflehnen und am Ende eben auch nur Anerkennung wollen. Und ja – sie bilden einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft: sie zwingen uns, mal anders zu denken und zu handeln und erinnern uns daran, dass unser Schulsystem Veränderung braucht. Dass unser pädagogisches Denken und Handeln einen Tellerrand hat, über den es heißt hinauszublicken. Anstatt zu sagen „Dieser Schüler oder diese Schülerin ist ein Problem.“ sollten wir uns fragen „Wie kann es denn für diesen Schüler oder diese Schülerin funktionieren?“.

Also, in gewisser Weise soll das hier ein Plädoyer für „die wilden Mädchen und Jungs“ sein? – Absolut.

Beziehung

Der erste Tipp für den Umgang mit Problemverhalten bei Kindern im Lernbereich ist ein Merksatz, den wir wohl mittlerweile alle kennen: Erziehung kommt von Beziehung. Und für gemeinsames Lernen wird genau die benötigt. Beziehungslernen birgt für alle Kinder und Jugendlichen sowie auch für die Lehrpersonen Vorteile.

Interesse

Eine Beziehung zu Kindern und Jugendlichen lässt sich besonders gut über Interesse aufbauen. Wir müssen also zunächst herausfinden, für was unsere Schüler*innen brennen. Das können Videospiele, Sport, die freiwillige Feuerwehr, Fantasy Geschichten, Tiktok oder auch Aktivitäten wie Angeln sein. Die Interessen finden wir am besten heraus, indem wir entweder direkt Fragen stellen oder die Themenbereiche im Gespräch nach und nach abklopfen. Finden wir beispielsweise heraus, dass dieses Kind sich besonders für Tiktok interessiert, bietet es sich an, genau das zum Gesprächsthema zu machen. Wenn wir uns mit dem aktuellen Tiktok-Trend so gar nicht auskennen, bitten wir einfach um Erklärung. Wir könnten fragen, welche „Tiktoker“ es gibt, welche empfohlen werden können und worum es denn dabei genau geht.

Bewegung

Lasst uns doch mal überlegen, was die häufigsten Störungen beim Lernen ausmacht: Es wird gezappelt, aufgestanden, umhergegangen, gekippelt, reingerufen oder sich sogar geprügelt. Alles Energie, die raus muss. Der Bewegungsdrang ist zu groß, um ihn zu kontrollieren. Welcher Erwachsene kann schon von sich behaupten, an einem 6-8 Stunden Arbeitstag immer still und gerade am Schreibtisch zu sitzen? Dass wir von Kindern in der Schule genau das erwarten, wirkt nach näherer Betrachtung doch irgendwie abstrus, oder? Und jetzt mal Hände hoch, wer beim Telefonieren auch immer auf und ab geht, bei Gesprächen mit dem Fuß wippt oder am Schreibtisch mit dem Bürostuhl nach links und rechts dreht.

Kinder, denen es besonders schwer fällt, beim Lernen still zu sitzen, weisen uns also ziemlich offensichtlich auf ihre Bedürfnisse während des Lernens hin: Bewegung! Wir können diesen Lernenden entgegenkommen, indem wir gezielt Bewegungen in den Lernprozess einbauen. Das muss nicht immer ein Dauerlauf sein. Es reicht auch schon, gewisse Übungen im Stehen durchzuführen. Natürlich soll der Deutschunterricht nicht zur Sportstunde mutieren, aber wieso das Potenzial nicht ausschöpfen? Bewegungslernen geht in jedem Fach, passt allerdings nicht zu jeder Übung.

Ideen für mehr Bewegung im Lernprozess:

  1. Üben und Wissen abfragen über Eckenlaufen
    Der Klassiker „Eckenlaufen“ kann in jedem Fach eingesetzt werden. Die Klasse verteilt sich in alle vier Ecken (auch möglich mit einzelnen Schüler*innen). Die Lehrperson stellt eine Frage (Rechenaufgabe, Quizfrage, Vokabeln, …). Alle, die das Ergebnis wissen, laufen eine Ecke weiter.
  2. Selbst korrigieren mit kreativen Lösungswegen
    Die Lösungen von Aufgaben müssen im Unterricht und in der Nachhilfe gesichert werden. Klar. Geht aber auch ohne still sitzen. Die Lehrperson hängt dazu die Lösungen für die einzelnen Aufgaben an verschiedenen Stellen im Raum und/oder auf dem Flur (Treppenhaus geht auch) auf. Für jeden Weg zu einer Lösung gibt es eine bestimmte Bewegungsaufgabe. Zur Lösung 1 muss beispielsweise auf einem Bein gehüpft werden und die Lösung 2 ist nur zu erreichen, indem auf einen Stuhl geklettert wird usw. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.
  3. Ergebnisse im Stehen vortragen
    Diese Idee kann auf unterschiedliche Arten umgesetzt werden. Sollen Ergebnisse von Gruppenarbeiten präsentiert werden, kann dazu die ganze Gruppe aufstehen. So sieht die Klasse, welche Schüler*innen zu der Gruppe gehören. Außerdem fühlen sich alle Mitglieder der vorstellenden Gruppe aktiviert, etwas zur Ergebnispräsentation beizutragen.
  4. Formeln/Abläufe/Gedichte/… mit Bewegungen verknüpfen
    Bestimmte Dinge müssen auswendig gelernt werden. Dies ist für einige Schüler*innen leichter, wenn sie parallel dazu eine Art Choreografie lernen. Beispielsweise kann die Meiose mit bestimmten Hand- und Fingerbewegungen erklärt werden oder das Aufsagen eines Gedichts wird mit bestimmten Armbewegungen verknüpft.

Augenhöhe

Unsere Kinder haben bereits zu vielen Dingen ihre Meinung und können diese auch hervorragend vertreten. Sie wissen, was sie wollen und was nicht. Manchmal müssen sie sich trotzdem auf unsere Anweisungen, Regeln und Ideen einlassen. Und das klappt am besten, wenn wir ihnen auf Augenhöhe begegnen. Denn was garantiert nicht funktioniert, ist ein Behandeln von oben herab. Dadurch verspielen wir Sympathie, die wiederum für die Lehr-Lern-Beziehung wichtig ist.

Eher sollten wir versuchen, in der Sprache der Kinder zu sprechen. Vielleicht bewundert dieses Kind einen bestimmten YouTuber? Dann könnte das Argument ziehen, dass hinter den Videos des YouTubers viel Arbeit steckt. Die Technik muss stehen, die kreative Idee dahinter geplant und umgesetzt werden. Dazu sind verschiedene Fertigkeiten notwendig und die Grundlagen dazu lernt man eben in der Schule/bei der Nachhilfe. Besagter YouTuber muss sich für seinen Beruf nämlich ganz schön anstrengen und genau das schaffen unsere Schüler*innen jetzt auch!

Fazit

Beziehung, Bewegung, Augenhöhe – das sind drei Zutaten, die es für einen guten Umgang mit Problemverhalten bei Kindern braucht. Viele Sozialpädagogen, die an Schulen arbeiten, bieten außerdem an, die Kinder im Rauslassen von Wut und Unmut anzuleiten. An einigen Schulen gibt es außerdem Sozial- und Kommunikationstrainings, die sehr hilfreich sein können und gut angenommen werden.

Grundsätzlich gilt es, diese Systeme noch weiter auszubauen und auch in den Kollegien zu etablieren. Wir als Lehrpersonen können noch viel mehr dazulernen, um allen Typen von Kindern, einen für sie passenden Unterricht zu bieten.

Der Artikel wurde inspiriert von einem Interview des LockerLehrer Podcasts von Lydia Clahes mit Dirk Fiebelkorn.

Bild zum Beitrag von freepik – de.freepik.com

Mehr entdecken

Homeschooling – Tipps und Tricks für das Lernen zu Hause

Viele Schüler*innen sind derzeit mit Homeschooling, Distanzlernen und hybriden Lernsystemen konfrontiert und müssen neue Wege finden, ihre ganz persönliche „School-Life-Balance“ in einem pandemiegeprägten Alltag zu finden. Zudem stellt das vermehrte von Zuhause arbeiten auch die Eltern vor neue Herausforderungen.

LRS – Anzeichen und Tipps

Die Lese-Rechtschreib-Störung dient als Diagnose für Menschen, die starke Schwierigkeiten beim Erwerb der Schriftsprache aufweisen. Weitere Schwierigkeiten bestehen in der Umformung von gesprochener zu geschriebener Sprache und andersrum sowie in der phonologischen Bewusstheit. In der Diagnostik wird die Lese-Rechtschreib-Störung mit ihren Ausprägungen als Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten verstanden.

Bring your friend?

2019 collection

Das Lernen mit einem oder einer vertrauten Lernpartner*in sorgt für eine entspannte Lernatmosphäre und Spaß beim Lernen, wodurch das Gehirn der Schüler*innen neue Informationen besser aufnehmen kann. Durch wechselseitiges Erklären und Zuhören werden Zusammenhänge besser verstanden und aufgenommen. Da beim gemeinsamen Lernen die soziale Kompetenz der Schüler*innen gefordert wird, lernen sie sich auf ihren Lernpartner*innen einzulassen und Rücksicht aufeinander zu nehmen. Schüler*innen können sich gegenseitig außerdem wunderbar ergänzen und motivieren, da jeder individuelle Stärken besitzt, von denen der/die andere profitieren kann.