Kooperatives Lernen

Eine flexible Unterrichtsstruktur

Kooperatives Lernen ist eine Unterrichtsstruktur, die flexibel in allen Schulformen und Unterrichtskontexten eingesetzt werden kann. Sie ermöglicht eine von der Lehrkraft kontrollierte Differenzierung und Individualisierung in heterogenen Lerngruppen. Grundlegend beschreibt das kooperative Lernen Partner- oder Gruppenarbeiten im Unterricht, die einem System aus drei festgelegten Phasen folgen: Einzelarbeit, Austausch und Präsentation. Im Englischen auch bekannt als „Think-Pair-Share“.

Die drei Phasen

Für den Lernerfolg und die Qualität der Ergebnisse ist die Einzelarbeitsphase, in der jede*r Schüler*in sich selbstständig mit dem Lerngegenstand auseinandersetzt, essenziell.[1] Folglich sollte die Lehrkraft in der ersten Phase darauf achten, dass sich tatsächlich alle Schüler*innen an die Einzelarbeitsphase halten und produktiv arbeiten. Unterstützt wird diese Phase durch ein Verantwortungsgefühl, welches in der zweiten Phase, dem Austausch in der Gruppe, vermittelt wird. Für das Ergebnis der Gruppenarbeitsphase ist jede der vorausgegangenen Einzelarbeiten der Schüler*innen von Bedeutung. Auf die Einzelarbeitsphase folgt die Austauschphase, in der sich die Schüler*innen mit ihrem Partner oder ihrer Gruppe über die erarbeiteten Inhalte austauschen. Dabei kann es sich jeweils um dieselben Inhalte oder um verschiedene Inhalte zu einem Thema handeln. So oder so stellt in der Austauschphase jedes Gruppenmitglied einen Experten für das Gruppenthema oder einen Teil des Themas dar. In der Austauschphase generieren die Paare oder Gruppen außerdem ihre Arbeitsergebnisse und bereiten sie so auf, dass sie dem Rest der Klasse oder anderen Gruppen präsentiert werden können. Damit schließt sich dann die dritte Phase, die Präsentationsphase, an. Jede Gruppe stellt entweder im Plenum oder in Kleingruppen ihre Ergebnisse vor. Zur Sicherstellung der Aufmerksamkeit während der Präsentationsphase, kann den Schüler*innen zuvor angekündigt werden, dass im Anschluss an die einzelnen Präsentationen wieder ein Austausch über die möglichen Lösungen in der eigenen Gruppe stattfindet.[2]

Kooperatives Lernen findet anders als herkömmliche Gruppenarbeiten nach der ersten Ergebnispräsentation noch nicht zwingend sein Ende. Vielmehr sollte im Anschluss an die Präsentationen eine weitere Phase kooperativen Lernens stattfinden, um verschiedene Lösungen miteinander zu vergleichen, zu analysieren und auszuwerten. Dies kann bei Zeitmangel im Plenum erfolgen. Sollte mehr Zeit zur Verfügung stehen, kann der Auftrag erteilt werden, sich zunächst wieder in Einzelarbeit mit den unterschiedlichen Gruppenergebnissen auseinanderzusetzen und diese gegeneinander abzuwägen und zu überprüfen. Danach folgt wieder eine Austauschphase in den Kleingruppen und eine anschließende Ergebnispräsentation oder eine offene Diskussionsrunde. Durch das Zurückgeben der ersten Ergebnisse in den kooperativen Kreislauf, erhalten die Schüler*innen die Chance sich vertiefend mit dem Lerngegenstand auseinanderzusetzen und ihre analytischen Kompetenzen zu trainieren.

[1] Ludger Brüning & Tobias Saum. Individuelle Förderung durch kooperatives Lernen. Erschienen in: Ingrid Kunze / Claudia Solzbacher (Hrsg.), Individuelle Förderung in der Sekundarstufe I und II. Baltmannsweiler 2008, S. 83-91.

[2] Ebd.

Variationsreiche Unterrichtsstruktur

Das kooperative Lernen bietet ein Vielzahl unterschiedlicher Unterrichtsstrukturen, die jeweils alle drei Phasen in sich vereinen. So zum Beispiel das Gruppenpuzzle, die Placemat, die Graffiti-Methode, der Galerie-Gang und einige Weitere.[1] Im Beispiel der Placemat-Methode erhalten die Schüler*innen eine Fragestellung zum jeweiligen Thema und pro Gruppe (4 Mitglieder) ein großes Blatt Papier, welches die Placemat darstellt. Auf dem Blatt Papier ist in der Mitte ein Rechteck eingezeichnet, in das später die Ergebnisse der Austauschphase eingetragen werden. An den Ecken des Rechteckts wird jeweils ein Strich bis zu den Ecken des Blattes gezogen. Somit entstehen im Außenrand des Rechtecks vier Felder – pro Blattkante ein Feld. In diese Außenfelder tragen die Gruppenmitglieder jeweils ihre Ergebnisse aus der Einzelarbeitsphase ein. In der folgenden Austauschphase stellen die Gruppenmitglieder sich ihre Ergebnisse zu der Fragestellung vor und einigen sich auf bestimmte Aspekte, die sie dann gemeinsam in das Rechteckt in der Mitte des Blattes schreiben. In der folgenden Präsentationsphase stellen die Gruppen den anderen Gruppen im Plenum ihre Ergebnisse mit Hilfe ihrer Placemat vor.

[1] Andreas Müller. Kooperatives Lernen im Deutschunterricht. 10 Methoden aus der Praxis für die Praxis. Braunschweig/Paderborn 2011: Westermann Schroedel.

Vorteile für Lehrpersonen und Schüler*innen

Durch die Variationsvielfalt der Unterrichtsstruktur bietet das kooperative Lernen auch eine Möglichkeit eines der zehn Merkmale guten Unterrichts nach Hilbert Meyer in den Unterricht zu integrieren, wonach eine gute Unterrichtsstruktur den Schüler*innen attraktive Lernvoraussetzungen bietet.[1] Abgesehen von der Strukturierungsvielfalt bietet kooperatives Lernen Lehrkräften außerdem die Möglichkeit der alltagstauglichen Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts. Durch die Aufteilung in Gruppen, in denen die Schüler*innen sich gegenseitig unterstützen können, erhält die Lehrkraft die Möglichkeit, sich den individuellen Bedürfnissen einzelner Schüler*innen zuzuwenden. Da die Lehrkraft in diesem Gruppenmoment nicht aktiv die ganze Klasse leitet, wird der Lernprozess der anderen Schüler*innen dabei nicht unterbrochen. Ein weiterer Vorteil des kooperativen Lernens ist die Beachtung individueller Lernzeiten. Die Wahl des richtigen Lernarrangements ermöglicht dadurch eine Differenzierung in heterogenen Lerngruppen. Ein wirksames Lernarrangement wäre beispielsweise das Lerntempoduett. Dabei werden annährend homogene Kleingruppen nach Zeitfaktor gebildet. Das bedeutet alle Schüler*innen erhalten eine Aufgabe und bearbeiten diese zunächst in Einzelarbeit. Sobald ein*e Schüler*in fertig ist steht er*sie auf. Die stehenden Schüler*innen bilden mit dem*der Schüler*in ein Duett, der*die als nächstes aufsteht.

Grundsätzlich bietet kooperatives Lernen Lehrkräften in der Schule sowie in der Nachhilfe oder Sprachförderung die Möglichkeit, individueller auf Schüler*innen einzugehen. Schüler*innen erhalten dadurch die Chance einzelne Lernschwierigkeiten mit der Lehrkraft während des Unterrichts zu besprechen oder auch voneinander in der Gruppe zu lernen.

[1] Hilbert Meyer. Was ist guter Unterricht?. Berlin 2004: Cornelsen.

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Das Lernen mit einem oder einer vertrauten Lernpartner*in sorgt für eine entspannte Lernatmosphäre und Spaß beim Lernen, wodurch das Gehirn der Schüler*innen neue Informationen besser aufnehmen kann. Durch wechselseitiges Erklären und Zuhören werden Zusammenhänge besser verstanden und aufgenommen. Da beim gemeinsamen Lernen die soziale Kompetenz der Schüler*innen gefordert wird, lernen sie sich auf ihren Lernpartner*innen einzulassen und Rücksicht aufeinander zu nehmen. Schüler*innen können sich gegenseitig außerdem wunderbar ergänzen und motivieren, da jeder individuelle Stärken besitzt, von denen der/die andere profitieren kann.